…Am Fenster… ;)

Horst Evers : Am Fenster

Es war so gegen Nachmittag. Ich war gerade ziemlich damit beschäftigt, still in der Küche zu sitzen und nur kraft meiner Gedanken Teewasser zum Kochen zu bringen. Ich sitze häufig still in der Küche und versuche, nur Kraft meiner Gedanken Wasser heiß zu machen. Wenn man erst einmal damit angefangen hat, kann sowas ja schnell mal den ganzen Tag dauern. Aber man hat wenigstens was zu tun. Das ist wichtig. Den ganzen Tag rumsitzen und nichts tun, das könnt ich gar nicht. Da mach ich mir doch lieber – Gedanken. Plötzlich jedoch hörte ich Geräusche aus meinem Zimmer. Geräusche, wie ich sie noch nie gehört hatte. Etwas ärgerlich beschloß ich, das erst leicht kochende Wasser zu verlassen und im Zimmer nach dem Rechten zu schauen. Die alte Frau Schmah aus dem dritten Stock stand da auf einer wackligen Trittleiter auf dem Bürgersteig und putzte mein Fenster.

»Tach, Herr Evers, lassen Sie sich man nich störn, ich putz nur eben Ihr Fenster, dann bin ich gleich wieder weg. Is ja ordentlich dreckig, ne.«

»Ah… ja, da is wieder ganz schön was zusammen gekommen in den letzten… sieben… Jahren … «

Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie mein Fenster putzt, ließ es aber, aus Angst, sie könnte es sich dann selbst auch fragen und mit dem Putzen aufhören. Das mußte ja nicht sein. Ich würde sie lieber in Ruhe lassen und ihr nur ein paar Putztips geben.

»Die Ecken, Frau Schmah, auch die Ecken, schön Ecken schön, Ecken!«

Trotzdem, einen Grund mußte es haben. Sicher, ich war die letzten Tage sehr durcheinander gewesen, aber war ich so zerstreut gewesen, daß ich etwas mit der alten Schmah angefangen hatte? Daran würd ich mich doch erinnern. Nicht, daß ich noch nie daran gedacht hätte, aber irgendwie macht man´s dann ja doch nicht. »Wissen Sie, Herr Evers, ich bekomme nämlich Besuch, aus Bonn, und da möcht ich gerne, daß es hier´n bißchen ordentlich aussieht, daß man sich nich schämen muß…«

Ich überlegte, ob mir die Situation peinlich sein sollte, kam aber zu keinem rechten Schluß. Auf einmal wurde mir klar, daß es kein Zufall war, als ich kürzlich 14 Werbezettel einer Gardinen- und Fensterputzfirma in meinem Briefkasten fand. Genausoviel, wie Mietparteien in meinem Haus wohnen.

Frau Schmah war mittlerweile mit der oberen Hälfte des Fensters fertig und begann jetzt mit dem unteren Teil. Erst schwach, aber dann doch immer besser erkannte ich durch den zerfließenden Dreck die Umrisse von fünf bis sechs anderen Mietern meines Hauses, die gespannt dastanden und in mein Fenster starrten. Als sie sahen, daß ich sie erkannte, winkten sie fröhlich und riefen:

»Hallo, Herr Evers, wir haben gehört, daß Frau Schmah ihr Fenster putzt und wollten nur mal gucken, wie sie so wohnen!!! Wir sind alle da!!!«

Ich fragte mich, was an der vielbeklagten Anonymität der Großstadt eigentlich so schlimm sein sollte, und warum diese Anonymität überhaupt für alle gilt, außer für mich. Egal, die Situation war verfahren genug, jetzt galt es noch, das Beste aus ihr zu machen. »Frau Schmah, ist Ihnen eigentlich klar, daß, wenn die Fenster geputzt sind, man in das Zimmer reingucken kann?«

»Jajajaaa! Is doch schön, ne, wir freun uns schon alle drauf.«

»Na, denn gucken Sie sich mal den Teppich an. Glauben Sie, der wird Ihrem Besuch aus Bonn gefallen? Ich denke, der müßte auch mal dringend gereinigt werden.« Ich gab ihr einen Wohnungsschlüssel, damit sie in Ruhe alles für den Besuch herrichten konnte, zog mir einen Mantel an und ging.

 

Tja. 😉

Über waehlefreude

..."Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen durch den Garten."... Rabindranath Tagore ... Vielleicht ist ja alles Garten, wenn wir richtig hinschauen.
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