Der Glückskürbis

 

Irgendwie dachte ich gerade an ein Märchen; hier ist es:

DER GLÜCKSKÜRBIS
Ein kleiner Junge saß auf der Fensterbank und sah durch die Scheiben in
den Herbsthimmel hinaus.
Hinter ihm im Bett lag seine Mutter. Sie war schon lange krank.
Büblein, sagte die Mutter, geh jetzt zum Nachbarn und
hole dir ein Stück Brot, du hast heute noch nichts
gegessen.
Du auch nicht, sagte das Kind. Das macht nichts, sagte die Mutter, ich
habe keinen Hunger. Zum Nachbarn mag ich nicht mehr
gehen, sagte der kleine Junge, er wirft mir immer das Brot hin wie
einem Hund. Ich will auf
die Landstraße gehen, vielleicht bekomme ich dort etwas.
Auf der großen Landstraße ging der Knabe so am Rande dahin und blickte
zu den Fuhrwerken, die da vorbei fuhren. Aber niemand gab ihm etwas.
Da sah er im Straßengraben einen großen Kürbis liegen, schön gelb und
orange gestreift, mit grünen Sprenkeln.
Kürbis, sagte der kleine Knabe, gehörst du niemand?
Nein, sagte der Kürbis, nimm mich nur mit, mit dir
gehe ich gern. Da nahm das Kind den großen Kürbis mit. Er war sehr
schwer.
Oh, sagte die Mutter, Kürbis, das ist etwas sehr Feines, da wirst du
ordentlich satt werden. Ach nein, sagte da der Kürbis leise, ihr dürft mich
nicht aufessen.
Büblein, setz mich auf die Fensterbank und höhl mich aus.
Dann schneide mir Nase, Mund und Augen aus und stelle ein Licht in
meine Mitte. Ja, sagte das Büblein.
Am Abend stellte der Knabe den ausgehöhlten Kürbis,
der mit großen Augen und aufgesperrten Mund leuchtete, auf den Boden. So, sagte der
Kürbis, jetzt hole mir deine Stiefel und stelle mich darauf.
Und in die Seiten, da stecke mir deines Vaters große Handschuhe, einen rechts,
einen links, und dann mache die Tür auf.
Und klapp-klapp marschierte der Kürbis hinaus. Stunde um Stunde verrann.
Deine Stiefel sind weg, und Vaters dicke, warme Handschuhe sind weg,
und unsere letzte Kerze ist auch weg, jammerte die
Mutter und schaute das Büblein vorwurfsvoll an.
Lange saßen sie im Halbdunkel, und keines
sprach mehr ein Wort.
Klopf, klopf! machte es da an der Tür. Der kleine Junge schloss auf und
herein stolzierte der Kürbis und hielt einen großen
Laib Brot zwischen seinen dicken schwarzen Handschuhen.
Ich muss gleich wieder weg, sagte er, flackerte mit seinem Licht
und verschwand. Die Mutter schnitt dem
Büblein eine große Schnitte ab und sich selbst auch
ein Eckchen, und so saßen sie da und aßen und waren glücklich.
Klopf, klopf machte es da wieder an der Tür. Der Kürbis gab dem Büblein
ein großes Stück Speck und sprang zur Tür hinaus, ehe noch eines ein
Wort sagen konnte.
So aßen sie Brot mit Speck, und das Büblein hatte
ganz fettige Hände und fettige Lippen.
Klopf, klopf machte es an der Tür. Der Bub konnte die Tür gar nicht schnell
genug öffnen, so klopfte es draußen, und herein polterte der Kürbis mit
einer Weinflasche in jeder Hand.
Ich muss gleich wieder weg, sagte der Kürbis.
Und Kerzen brauchen wir auch, rief die Mutter. Jawohl, sagte der
Kürbis und beeilte sich, hinauszukommen.
Und so klopfte es und klopfte es immer wieder, und
immer wieder musste der kleine Junge öffnen, und jedes Mal lud der
Kürbis herrlichere Sachen in der nun hell erleuchteten Stube ab.
Es ist ein Glückskürbis, sagte die Mutter.
Ja, das ist er wohl, sagte das Büblein, aber er läuft mir meine
Schuhe durch, und ich habe keine anderen.
Und Schuhe brauchen wir auch, rief die Mutter hinter dem Kürbis her.
Ja, richtig, sagte der Kürbis und schoss zur Tür hinaus.
Als die Mitternachtsstunde nahte, klopfte es draußen ganz leise.
Der kleine Junge machte auf, und herein schlich der Kürbis,
müde und gebückt, er hatte sich sicher überanstrengt.
Er stellte einen Topf mit Honig auf ein Schemelchen vor das Bett der Mutter,
setzte sich daneben und seufzte tief.
Lieber Kürbis, sagte das Büblein, bist du krank?
Ach nein, sagte der Kürbis, aber mein Lebenslicht geht zur Neige.
Wir setzen ein neues Licht in dich hinein, lieber Kürbis, wir haben ja nun
viele Lichter.
Ich lebe nur ein einziges Licht lang, sagte der Kürbis.
Bleib lieb und gut und sei deiner Mutter immer eine Freude –
Gute Nacht, und damit erlosch das Lichtlein in dem Kürbis.
Er neigte sich zur Seite, schaukelte noch einmal hin und her
und blieb dann still liegen.
Die Mutter war sehr traurig, und das Büblein saß da
und weinte, und die guten Sachen lagen auf dem Tisch, auf der Bank und
den Stühlen umher, ja, sogar auf dem Fußboden.
Unter Tränen tauchte das Büblein seinen
Zeigefinger in den Honig und schleckte ihn ganz langsam ab.
Die Mutter des kleinen Jungen ward von dem vielen guten Essen, das der
Kürbis gebracht hatte, bald wieder gesund und kräftig.
Das Büblein aber nahm die Kürbiskerne und trocknete sie am Ofen als
Winterfutter für die hungrigen Vöglein.
Ein paar Kerne aber hob es auf, und als das Frühjahr
kam, steckte es sie in die Erde. Und nun hofft das
Büblein auf einen neuen

Glückskürbis.

 

Gebrüder Grimm

 

 

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Über waehlefreude

..."Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen durch den Garten."... Rabindranath Tagore ... Vielleicht ist ja alles Garten, wenn wir richtig hinschauen.
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6 Antworten zu Der Glückskürbis

  1. Flowermaid schreibt:

    … bahh… ich bin so eine Sissy und jetzt habe ich geheult… liebe Grüße zum Fest!

    Gefällt 2 Personen

  2. frauholle52 schreibt:

    Ein Märchen, das ich noch nicht kannte. Die Brüder Grimm haben doch immer wieder Neues auf Lager……

    Gefällt 1 Person

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